Von Arroganz und Selbstbewusstsein

Sei selbstbewusst, haben sie gesagt.
Sei stolz auf das, was du kannst, und das, was du zu bieten hast. Haben sie gesagt.
Aber wo genau die Grenze zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz liegt – das haben sie verschwiegen.

Selbstbewusstsein ist etwas Tolles, ganz klar. Diejenigen, die in der Schule nach Arbeiten ein mieses Gefühl hatten, nur, um dann immer, wirklich immer, zu den Besten zu gehören, mochte keiner. Da ist es doch wirklich besser, offen und ehrlich zu seinen Stärken, Talenten und Erfolgen zu stehen, oder? ODER?

Aber wann wird aus Stolz eigentlich Angeberei?

Ich verabscheue Konkurrenzdenken. Abgrundtief. Ich wollte noch nie wissen, wer schneller als ich läuft, wer weiter wirft oder besser singt. Besonders schlimm ist für mich der Umgang mit direkter Konkurrenz. “Hier guck, sie will dasselbe wie du, kann aber das, das und das besser.” Urgh.
In solchen Situatione neige ich zu Rückzug. Was meine Mutter wiederum fürchterlich wütend macht. Denn Schisser mag auch keiner. Zumindest keine Mutter.
Mütter raten in solchen Situationen gerne zum direkten Lattenmessen. “Was die kann, kannst du schon lange!”
Aber wenn ich der Welt doch gar nicht unbedingt beweisen will, dass ich es eben auch kann?

Mir war Zurschaustellen schon immer fürchterlich unangenehm. Ich war nie eins der Kinder, das auf der Familienfeier mit seinen Noten angab. Deshalb übernahm das meine Mutter gern für mich, während ich fürchterlich beschämt Kuchen aß. Immerhin würde schon jemand gezielt nach meinen Noten fragen, wenn er sie denn wissen wollte, richtig? RICHTIG?

Rächt sich Arroganz irgendwann?

Dumm nur, dass in der freien Welt andere Regeln gelten.
Da gewinnen der, der am lautesten brüllt, und die, die sich am besten verkauft. Och, menno.

Was ich kann, das können auch viele andere. Zumal meine Fähigkeiten oder gar Talente keine besonders seltenen sind. Ich kann weder instinktiv mit Löwen umgehen, noch einhändig Knoten binden.

Wo endet Stolz und beginnt Angeberei?

Manchmal frage ich mich, ob andere Menschen ähnlich denken. Ganz besonders die, die von sich selbst so überzeugt sind, dass sie ihr Können lauter als alle anderen in die Welt hinausrufen müssen. Wissen die, dass das, was sie können, auch andere können? Dass andere dasselbe wollen, wissen sie ganz bestimmt, sonst würden sie ja nicht brüllen. Vermutlich ist genau das der Grund, warum sie im Sportunterricht besonders laut “Hier!” schreien, wenn’s ans Mannschaftwählen geht. Weil sie die Chance haben wollen, vor all den anderen wahrgenommen werden zu wollen, die genau so viel können wie sie selbst. Und das ist ihnen bewusst.

Manchmal wünsche ich mir, dass die Super-Selbstbewussten, die Brüller, die Arroganten eben, einmal ganz hart auf die Schnauze fliegen. Ja, ist fies, ich weiß. Aber ich brüll’s ja nicht …

5 Comments

  1. Oh, ich weiß was du meinst. Ich verstehe auch nicht, wieso bei Manchen immer Alles ein Wettkampf sein muss. Wer hat mehr Geld, wer hat mehr Freunde, wer ist glücklicher – das ist doch vollkommen irrelevant? Man muss sich selbst wohl fühlen, dann ist es doch egal, ob andere besser oder schlechter sind?

    Schön, dass du das mal ansprichst – ich bin gespannt auf deine zukünftigen Visitenkarten :)

  2. :D :D :D

    Dein letzter Satz!

    Oh Gott, mir ist das in letzter Zeit schon so oft aufgefallen. Wie der Kollege, der voller Selbstbewusstsein einen auf dicke Hose macht und dann kaum Leistung bringt, weil er nicht nur quatscht um anzugeben, sondern immr quatscht. Ich bin super vorsichtig geworden, wenn Leute zu sehr ihr Können herausposaunen, weil meistens nichts dahinter steckt. Ob den Menschen bewusst gworden ist, dass sie damit eine Erwartungshaltung heraufbeschwören, die sie einfach nicht erfüllen können?
    Was mich jedoch am meisten irritiert: Oft ist es leider wirklich so, dass die Leute mit der größten Schnauze weiterkommen :/ und selbst wenn sie einmal auf die Schnauze fallen würden, wird das nur so abgeklopft und weitergemacht.

    Liebe Grüße.

    • V. Reply

      Du sprichst mir aus dem Herzen. Denn oft sind solche Quatscher – oder Brüller, wie ich sie eben nenne – genau die, die gar nichts drauf haben.
      Eine gelungene Läuterung wäre eben, genau wie du sagst, die plötzliche Erkenntnis, dass sie nichts von dem, was sie versprechen, halten können.

  3. Grrrrrr, ich mag Angeber-Leute ehrlich gesagt auch überhaupt nicht. Ich glaube im Inneren sind die auch absolut nicht von sich selber überzeugt. Genau deshalb schreien sie es ja raus. Weil sie ganz unbedingt Anerkennung haben wollen. Dann glauben sie sich vielleicht irgendwann selber auch, wie unfassbar toll sie doch sind…
    Das Beispiel mit den Noten ist echt der Hammer. Das kennt wirklich jeder und jeder hasst diese Schüler. Ich finde, dann sollte man lieber die Klappe halten. Understatement tut manchmal wirklich gut, also machst du doch schonmal alles richtig ;) Ich glaube, dass man auch so weiterkommen kann. Es gibt ja auch andere Arten, wie man Menschen zeigen kann, was man für Talente hat…
    Hab ein tolles Wochenende!

    • V. Reply

      Dass es den Brüllern tief in ihnen drin eigentlich an Selbstbewusstsein mangelt, ist eine beliebte Vermutung. Aber irgendwie hab ich da meine Zweifel. Bei einigen wird das bestimmt zutreffen, aber ich bin überzeugt davon, dass es sie auch gibt, die wirklich und wahrhaftigen Arschlöcher.

      Dir natürlich auch ein grandioses Wochenende!

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