Danach ist davor

Das erste Mal seit Wochen kann ich in Ruhe Tee trinken, ohne nebenbei nicht mal einen flüchtigen Blick auf die Seminar-Mitschriften zu werfen. Oder besser gesagt ohne das Gefühl zu haben, es tun zu müssen. Ich kann wieder lesen, ganz privat und freiwillig, ohne mir Notizen zu machen oder auf die Meta-Ebene zu achten. Putze das Bad wieder, weil ich muss, und nicht, weil ich eigentlich anderes tun müsste – nie ist meine Wohnung so sauber, wie während der Prüfungsphase. Die habe ich jetzt endlich hinter mir und kann mich nun wieder den schönen Dingen des Lebens widmen – naja, fast. Denn nach Klausur, Hausarbeit und mündlicher Prüfung ist vor Umzug, WG- und Job-Suche.

Bald heißt’s Abschied nehmen.

Ich studiere jetzt seit 5 1/2 Jahren. Das ist eine verdammt lange Zeit, gerade wenn man bedenkt, dass diejenigen, die sich nach dem Schulabschluss für eine Ausbildung entschieden haben, schon genauso lange im Berufsleben stehen. Mal so unter uns: Wenn man eigentlich gar keine konkrete Vorstellung davon hat, was man später damit einmal machen will, dann ist so ein Studium eigentlich nur Zeitschinderei. Vor allem ein geisteswissenschaftliches. Denn einen klassischen Kindergarten-Beruf kann man damit nicht unbedingt ausüben – damit meine ich Berufe, die jedes Kindergartenkind kennt: (Tier-) Arzt, Feuerwehrmann, Florist. Die Ausnahme dabei bildet vermutlich der Journalismus, der mich, genau wie viele andere, zum Germanistik-Studium trieb – nur um dann festzustellen, dass es eigentlich klüger gewesen wäre, durch die Studienwahl direkt ein Ressort abzudecken.

Jetzt wird’s ernst

Ein halbes Jahrzehnt später neigt sich aber auch mein Studium dem Ende entgegen und stellt mich vor die Entscheidung, die viele schon viel früher treffen mussten: Womit will ich den Rest meines Lebens verbringen? Zugegeben, ganz so final ist es dann doch nicht – kaum einer bleibt sein Leben lang bei einem Arbeitgeber, einer Position und einem Tätigkeitsfeld. Dennoch muss der Anfang getan werden, irgendwann, irgendwo. Aus Irgendwann wurde Bald, aus Bald nun Oktober. Freunde fangen an zu fragen, wie es nach dem Studium weitergeht, die Familie äußert sich langsam besorgt, ob ich nicht schon viel zu spät dran wäre.
Plötzlich ging es ganz schnell, die Entscheidung, die Berufswahl dank Masterstudium um weitere 2 1/2 Jahre nach hinten zu verschieben traf ich gefühlt erst gestern?! Die Erkenntnisse, dass ein anderer Studiengang den Einstieg ins Berufsleben vielleicht erleichtert hätte, dass eine andere Ausbildung womöglich doch mehr zu meinen Interessen und Talenten gepasst hätte, kommen zu spät.
Germanistik it is.

Ein komisches Gefühl ist es schon, keine fiesen kleinen Abgabe- oder Prüfungstermine mehr im Nacken sitzen zu haben. Dafür haben akute Zukunftsangst und blanke Panik ihre Plätze eingenommen. Kann ich vielleicht doch nochmal tauschen?

3 Comments

  1. Du sprichst mir gerade so aus der Seele – das ist erschreckend. Ich hab das Gefühl, ich hab den Germanistik Master nur angefangen, weil ich dann billiger wohnen (Wohnheim) kann und wegen dem Semesterticket und weil ich die Uni schon so lange kenne und um einfach das richtige Leben und die ganze Verantwortung weiter aufzuschieben. Ich war richtig geschockt, als ich wegen eines Praktikums plötzlich 4 Monate einen 5 Tage Woche hatte. Das war hart für mich. Für andere ist das Alltag :/ Und irgendwie bin ich froh bald fertig zu sein (nur noch 1 Semester!!!) und dann wieder gar nicht. Dann ist die “Jugend” vorbei

  2. Ich erinnere mich noch daran, wie das war… Ich drücke die Daumen, dass du schnell was findest, was dir auch Spaß macht. Ich bin nach dem Studium in meinen Job eigentlich eher zufällig reingerutscht, weil ich die Stellenanzeige falsch verstanden habe und mich einfach mal beworben habe. Im Vorstellungsgespräch dann bemerkte ich mein Missverständnis und improvisierte enorm – hat geklappt! :-D Also, es läuft nicht immer so wie geplant, aber: Irgendwie wird es schon laufen!

    Liebe Grüße
    Nele

  3. Noch ist es nicht zu spät! Ich hab ja mit 24 noch einen neuen Bachelor angefangen :) Und es war das Beste, was ich hätte tun können! Man muss auch einfach mal sagen, dass Mitte 20 noch verdammt jung ist – und trotzdem macht man sich solche Gedanken. Ich denke das ca. jeden Tag 30 Mal, dabei ist noch so viel Zeit – eigentlich.

Leave A Reply

Navigate