Gelesen im Mai

Das Leben ist groß von Jennifer DuBois

Wie verhält man sich, wenn man weiß, dass man verliert? Kämpft man weiter und wahrt den Schein oder akzeptiert die Niederlage und steigt sofort aus dem Spiel aus? Das sind die zentralen Fragen, denen sich Jennifer DuBois in ihrem Debut-Roman “Das Leben ist groß” widmet. DuBois erzählt zwei Geschichten, die nach und nach zu einer verschmelzen: die einer jungen Frau, die mit ihrem Schicksal – einer tödlichen Erbkrankheit, die ihr den Verstand, der ihr alles bedeutet, rauben wird – hadert und die eines Mannes, der nicht weniger will, als ein ganzes Land zu revolutionieren, um die Fehler seiner Vergangenheit zu sühnen. Dabei stellen beide fest, dass sich die Geister, die ihnen nachts den Schlaf rauben, einander erschreckend ähneln. Nicht zuletzt durch das Auftreten realer Personen (so thematisiert und problematisiert DuBois Putins Regime und Demokratieverständnis) wird eine Art Paralleluniversum erschafft, in dem der Leser sich mit philosophischen und essentiellen Fragen wie dem Sinn und Unsinn des Lebens auseinandersetzen kann, ohne sich dabei wirklich bedroht zu fühlen.

Für Fans von: (mittel-)schwerer Kost, philosophischen Fragen, Schach, Russland

Eismond von Jan Costin Wagner

Den Fall der Frau, die in ihrem eigenen Haus im Schlaf erstickt worden ist, nimmt Kimmo Joentea eigentlich nur an, um sich von dem kürzlichen Tod seiner eigenen Frau abzulenken, die nach einer qualvollen Krankheit friedlich im Schlaf von ihm gegangen ist. Doch schnell wird klar, dass der Mord viele Parallelen zu seinem eigenen Verlust hat, die ihm ein ganz besonderes Gespür für diesen Fall verleihen und ihn nachts nicht mehr schlafen lassen. Neben der Geschichte um den jungen finnischen Kriminalpolizisten, der von seiner Trauer überwältigt kaum noch einen klaren Gedanken fassen kann, gesteht Jan Costin Wagner dem Leser immer wieder Sequenzen aus der Perspektive des Mörders zu, der vielleicht doch nicht das Monster ist, für das ihn die Polizei hält.
Leider konnte mich “Eismond”, das den Auftakt zur Kimmo-Joentaa-Reihe bildet, nicht ganz überzeugen. Das lag vor allem an der Ermittlungsarbeit und -art der Hauptfigur. Für meinen Geschmack haben zu viele Rückschlüsse auf den Täter, seine Vorgehensweise und Motive auf Intuition, resultierend durch den Verlust eines geliebten Menschen, beruht und waren somit leider – für mich – an den Haaren herbeigezogen.

Für Fans von: Kriminalfällen, die nicht immer ganz souverän gelöst werden, Kommissar-Reihen

Neunzehn Minuten von Jodi Picoult

Dass “Schuld” ein ziemlich wackeliges Konstrukt sein kann, beweist Jodi Picoult in “Neunzehn Minuten” anhand von Peter Houghton, der bei einem Amoklauf an seiner Highschool innerhalb von neunzehn Minuten 10 Mitschüler und einen Lehrer erschießt und viele weitere schwer verwundet. Der Fall scheint klar und Peter ohne Zweifel der Täter. Doch wie viel steckt wirklich dahinter, was musste passieren, damit Peter von einem unscheinbaren, zartbesaiteten Kind zu einem Pubertierenden wird, der eines schönen Tages auf dutzende Menschen schießt? Und wer ist Schuld an seiner Entwicklung: die Eltern, die den Verlust von Peters älterem Bruder, der bei einem Autounfall ums Leben kam, nie ganz verarbeiteten? Die Mitschüler, die ihn Tag für Tag schickanierten? Die ehemals beste Freundin, die sich von ihm abwendet, weil die Freundschaft zu ihm ihrem Image schadet? Die einzelnen Kapitel stellen ganz unterschiedliche Momente aus Peters Leben und Entwicklung sowie der seines Umfelds dar und ergeben zusammen die Summe einzelener Momente, die verdeutlichen, dass Schuld nichts Absolutes ist. Zwar ist “Neunzehn Minuten” schon aufgrund der Thematik keinesfalls leichter Lesestoff, dennoch schafft Picoult es, das Ganze in Häpfchen zu packen, die verdaubar und gut “wegzulesen” sind. Wer die ersten zwanzig Seiten grausiger Protagonistendarstellung übersteht, die nicht nur mich an die “frech-romantischen Bücher” von Sarah Harvey erinnert haben, wird mit einem moralisch differenzierten Blick auf eine grausame Tragödie belohnt, der auch über das Buch hinweg nachwirkt.

Für Fans von: schwerer Kost, Entwicklungen, Gesellschaftskritik

Die 500 von Matthew Quirk

Mit seinem neuen Job bei der einflussreichen Davis Group denkt Mike, das große Los gezogen zu haben. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass er in einen Albtraum aus Intrigen und Macht rund um den Firmenbesitzer Henry Davies gerarten ist, der in seinem jüngsten Aufsteiger schon seinen persönlichen Nachfolger sieht. Doch Mikes Gewissen macht es ihm unmöglich, über die kriminellen Machenschaften seines neuen Arbeitgebers hinweg zu sehen – auch wenn ihn das alles kosten kann. Ja, sowohl der Inhalt aus auch der Titel mag den ein oder anderen an Werke des Meisters des Justiz-Krimis John Grisham erinnern, der bekanntermaßen seit einem Jahrzehnt zu meinen Lieblingsautoren gehört. Dennoch gelingt es Quirk mit seinem Debut mehr als ein fahler Abklatsch, sondern einen eigenständigen, über 400 Seiten spannenden Wettlauf gegen die Zeit zu erschaffen, in dem der Leser nah am Protagonisten, seinen Entscheidungen, Ängsten, Zweifeln und Hoffnungen ist.

Für Fans von: Spannung, John Grisham, Verschwörungen

unterwegs verloren von Ruth Klüger

Schon die ersten Seiten von Ruth Klügers erster Autobiographie “weiter leben”, die ich 2014 im Rahmen eines Seminars gelesen habe, haben mich damals tief beeindruckt. Darin beschreibt die Literaturwissenschaftlerin, wie sie als Kind und Jugendliche den Aufstieg des Hitler-Regimes am eigenen Leib miterlebte, wie sie gemeinsam mit ihrer Mutter depotiert wurde und ihnen schließlich die Flucht gelant. Als Jüdin erlebt sie auch heute, lange nach Kriegsende noch Anfeindungen, die sie im zweiten Teil ihrer Lebensgeschichte “unterwegs verloren” eindrucksvoll schildert. Darin erzählt sie von ihrem akademischen Weg hin zur Doktorandin der Literaturwissenschaft, der Auseinandersetzung mit ihrer Muttersprache, persönlichen Verlusten und Niederlagen und ihren Erfahrungen als Jüdin und Frau im Wissenschaftsbetrieb.

Für Fans von: klugen Worten, grandiosen Gedanken, Literaturwissenschaft, (Auto-) Biographien

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