Never trust an Erstsemester
Ein Drama in fünf Akten

Aktuell befinde ich mich – mal mehr, mal weniger verzweifelt – auf WG-Suche. Weniger Verzweiflung ist, wenn der Terminkalender gut gefüllt mit vielversprechende Besichtigungsterminen ist; mehr, wenn genau die sich als Griff ins Klo herausstellen – maximale Verzweiflung ist, wenn die absolut perfekte WG mir das Herz bricht.

Früher war alles einfacher (Exposition)

In der achten Klasse stellten meine damals beste Freundin L. und ich uns immer vor, dass wir, wenn wir mal groß sind, gemeinsam eine WG gründen würden. Beeinflusst durch Serien wie Friends war es für uns völlig selbstverständlich, dass man als Erwachsene irgendwann in einer Wohngemeinschaft lebt. Und so stellte eine von uns der anderen eines Tages die alles entscheidende Frage, das “Willst du mit mir gehen?” der Freundschaft: “Wollen wir später zusammenwohnen?” Als L. die Schule wechselte und mich zurückließ, nahm sie auch den Traum von der gemeinsamen WG mit.

Zehn Jahre später versuche ich an meine Kindheitsvorstellung von damals anzuknüpfen.

Süßkartoffelpommes spielen nicht mit Gefühlen – Süßkartoffelpommes verstehen.

Das Kennenlernen (Steigung)

Neben Hausarbeit und Klausurlernerei schaffte ich es bisher zu drei WG-Besichtigungen, die alle ziemlich unterschiedlich waren. Gleich die Erste war ein absoluter Volltreffer. An einem Sonntagmittag war ich die einzige Bewerberin, weshalb ich Miniberliner mitbrachte, die wir bei Tee und einem zweistündigen Gespräch naschten. Es passte einfach alles. Das Zimmer war toll, die Wohnung grandios und auch zwischenmenschlich lief es. Frisch aus einem anderen Bundesland hergezogen, schloss meine potentielle Mitbewohnerin gerade ihr erstes Semester ab. Ja, sie leide unter großem Heimweh und vermisse ihre Freunde. Nun ja, auch mit ihrem Studiengang sei sie nicht zu 100 Prozent zufrieden, weshalb sie zum nächsten Wintersemester wechseln wolle. An der Uni wolle sie aber bleiben, ganz sicher. Auch die Stadt gefalle ihr, sie sei nur noch nicht ganz angekommen. Zurück beim Freund schwärmte ich in höchsten Tönen von Zimmer, Wohnung und ihr und beging einen schweren Fehler: Ich machte mir Hoffnungen. Wir hatten uns mit dem Versprechen verabschiedet, uns schnellstmöglich Bescheid zu geben, uns beiden war es wichtig, alles bald in trockenen Tüchern zu haben.

Erste Zweifel (Peripetie)

“Ich würde nicht mehr mit einem Erstsemester zusammenwohnen wollen”, bekam ich von Freunden zu hören, während ich auf die Zusage wartete. “Irgendwie steckt man da doch in ganz anderen Lebensphasen, erinner’ dich doch mal daran, wie du mit 19 warst!” Ich begann zu grübeln. Ja, natürlich, man merkte schon, dass uns 5 Jahre trennen. Dennoch, das was sie über das WG-Leben und ihre Einstellungen sagte, das klang vernünftig. Trotz des Altersunterschied von einem halben Jahrzehnt hatten wir uns gut verstanden und ich war sicher, dass sie mich auch mochte und mir das Zimmer geben würde. Was sie später auch tat … quasi.

Das große Wenn – oder auch “Kack Konjunktiv” (Retardation)

Eine Woche später hatte ich bereits das Zimmer und den Rest der Wohnung mental eingerichtet, als endlich die Nachricht kam, dass sie, wenn sie eine Mitbewohnerin bräuchte, mich nehmen wollen würde. Moment – WENN? Mit der Erklärung, dass sie ja überhaupt erst ihrem Vermieter mitteilen müsse, dass ihre aktuelle Mitbewohnerin ausziehe, und der ja auch zustimmen müsse, ließ sie mich zurück. Für weitere drei Tage.

Der Tag, an dem sie mit ihrem Vermieter sprechen wollte, verging ohne Nachricht. Ihrerseits jedenfalls. Ein bisschen stolz bin ich schon auf mich, dass ich ihr abends lediglich ein lässiges “Hey ho, wie lief denn eigentlich das Gespräch mit dem Vermieter?” schrieb, was zunächst unbeantwortet blieb. Ich wurde immer ungeduldiger, mein Bauchgefühl immer lauter, bis aus dem Flüstern Schreien wurde: “Sie sucht überhaupt keine Mitbewohnerin, sie will selbst raus aus der Wohnung, du bist nur Plan B!

Meine Befürchtung wurde von Freunden zunächst als Hirngespinst abgetan. Welche Beweise hatte ich schon, außer dem kleinen Wörtchen Wenn? Vielleicht hatte sie sich einfach nur falsch ausgedrückt?

Was folgte, waren 48 Stunden in denen ich vermutlich jedes Stadium durchlief, das Verliebte durchmachen, die noch nicht wissen, dass sie endgültig sitzengelassen wurden. Nicht nur checkte ich mehrmals stündlich ihren Online-Status, sondern malte mir auch dutzende mögliche Gründe aus, warum sie nicht antwortete. Immerhin ist Karnevalsfreitag, vermutlich ist sie feiern. Oder sie arbeitet, hatte sie nicht was von einem Job erzählt?! Die Stunden vergingen. Stunden, in denen sie mehrmals online war, ohne meine Nachricht zu lesen. (Sind wir doch mal ehrlich, wir alle kennen das Spiel, bei dem man Nachrichten absichtlich nicht öffnet, um sie nicht sofort beantworten zu müssen. Ein Spiel, in dem sie eine Meisterin ist. Denkt sie.)

Die Katastrophe

Irgendwann kam dann die erlösende Gewissheit, eine Nachricht, in der sie mir mitteilte, dass sie wohl doch einen Nachmieter für die komplette Wohnung suche. Warum, weiß ich bis heute nicht, denn eine Erklärung blieb sie mir schuldig. Meine drei Nachrichten, in denen ich wissen wollte, was zwischen “Ich suche eine Mitbewohnerin” und “Ich zieh selbst aus” passiert ist, blieben unbeantwortet. Und ungelesen.

Und die Moral von der Geschicht’: Never trust an Erstsemester.

6 Comments

  1. Das ist ja bitter :O Oh man, ich hab schon von diesen WG-Geschichten gehört. Mein Freund hatte mal was zur Zwischenmiete gesucht und alles durchgehabt, inklusive ner Miniparty, wo sich alle gleichzeitig vorstellen sollten und von sich überzeugen mussten. Wie das schlimmste Vorstellungsgespräch. Ich selber will nie wieder in einr WG leben, nach dem ich aus der letzten raus bin :/ Mit jemandem völlig fremden zusammenleben find ich so anstrengend :P Ich bewundere Leute die das können.

    Sind das Süßkartoffelpommes aus dem Frittenwerk in Düsseldorf? :D

    Liebe Grüße!

    • V. Reply

      Nachdem ich mir nun etwa fünf WGs angeguckt habe, verlier ich auch so langsam den Glauben an die perfekte WG.
      Ja, die Süßkartoffelpommes sind vom Frittenwerk und ich liebe sie. Vielleicht möchte ich auch nur in Düsseldorf wohnen, um endlich näher bei ihnen zu sein. Wobei ich auch die bei Hans im Glück grandios fand, allgemein scheinen Süßkartoffelpommes eine ganz tolle Sache zu sein.

      • Ich glaube am einfachsten ist es meist, wenn man sie selbst gründet oder über jemanden in eine WG kommt. So hat man in etwa ne Ahnung wie der/diejenige drauf ist :7 Ich kenne auch so viele Berichte über tolle WG-Erfahrungen, meine war da leider das Gegenteil.

        Ich muss die Süßkartoffelpommes das nächste Mal unbedingt ausprobieren. Ich wohne nah am Frittenwerk dran und hab trotzdem ewig gebraucht um das erste Mal dort hinzukommen. Und dann hab ich mich in die Garlic Fries verliebt.

  2. Oh nein! WG-Suche ist ja wirklich total schrecklich und dann immer so unzuverlässige, unentschlossene Leute… Mein Beileid.
    Da helfen wohl wirklich nur Süßkartoffelpommes <3

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