[Rezension] Notizen einer Verlorenen

“Ich wünsche mir etwas Spannendes, etwas wirklich, wirklich Spannendes.” So der Auftrag, den der Freund in der Vorweihnachtszeit erhielt. Kurz nach Heiligabend durfte ich dann Heike Vullriedes “Notizen einer Verlorenen” auspacken.

Worum geht’s?

In Vullriedes Roman, der 2013 im Luzifer-Verlag erschienen ist, geht es um Sarah, die von ihrem Ex-Freund Jens um ein Treffen in der Essener Innenstadt gebeten wird. Sarah, die eigentlich schon längst mit der Beziehung und eigentlich auch mit Jens abgeschlossen hat, erklärt sich widerwillig bereit, ihm diesen – wie sich später herausstellt letzten – Wunsch zu erfüllen. Denn Jens bringt sich direkt vor ihren Augen um, stürzt von einer Brücke in den Tod. Und landet genau vor dem Auto eines ehemaligen gemeinsamen Freundes der beiden. Kein Zufall, wie sich wenig später herausstellt, als Sarah und Marc herausfinden, wo Jens die letzten Monate vor seinem Suizid verbrachte: im Haus der Verlorenen, einem Verein für Selbstmordgefährdete. Ohne recht zu wissen, wie es dazu kommen konnte, ist Sarah plötzlich selbst eine Verlorene, die immer mehr unter Druck gesetzt wird, sich den Regeln der Gruppe zu unterwerfen.

Darum geht’s wirklich

Vullriede thematisiert in “Notizen einer Vergessenen” ein heikles Thema, an das viele Medien sich nicht so recht ranzutrauen wagen: Suizid. Gibt es gute Gründe für einen Suizid, ist Wegschauen in Ordnung und darf man helfen?
Durch die verschiedenen Mitglieder im Haus der Verlorenen werden ganz unterschiedliche Beweggründe für Selbstmord dargestellt. Da gibt es das Mädchen, das an einer unheilbaren Krankheit leidet, die sie demnächst qualvoll das Leben kosten wird, der Junge, der einfach keinen Grund zum Weiterleben sieht, oder das alte Ehepaar, das fürchtet, der Tod könne sie nach einem langen gemeinsamen Leben voneinander trennen. Die Beurteilung der jeweiligen Situation ist dem Leser selbst überlassen. Obwohl man meinen könnte, dass das Thema Depressionen im Zusammenhang mit Suizid eine große Rollen spielen sollte, entscheidet Vullriede sich dagegen, dieser Krankheit eine allzu große Präsenz zukommen zu lassen. Jeder ist selbst dafür zuständig, zu entscheiden, ob die Figuren in seiner Lesart darunter leiden und wenn ja, wie intensiv.

So lässt der Roman ganz unterschiedliche Deutungen des Hauses der Verlorenen zu und zwingt den Leser, sich selbst mit der Frage auseinanderzusetzen, wann ein Suizid “in Ordnung” ist.

Vom Tod

Der Roman beginnt dramatisch. So dramatisch, dass ich zunächst bedenken hatte, ob es überhaupt eine gute Idee ist, ihn zu lesen, wenn ich allein zuhause bin. Den direkt zu Anfang findet ein Unbekannter Sarahs Leiche, fest steht: Die überlebt das nicht. Den Rest des Romans erleben wir aus Sarahs Sicht, immer mit dem Hintergedanken, wie es dazu kommen konnte, dass sie am Ende sterben wird. Daraus ergibt sich auch schon der Hauptaspekt der Spannung, der lediglich durch einige zwielichtige Gestalten und ein dramatisches Ende unterstützt wird. Die latente Spannung, motiviert durch das große Warum, hat mir leider nicht gereicht, um das Buch wirklich als durchgehend spannend zu empfinden – da konnte eben auch das Ende, das noch mal richtig Gas gegeben hat, nicht das Ruder rumreißen. Dennoch lassen sich die “Notizen einer Verlorenen” sehr gut lesen, vor allem weil es kaum überflüssige Details oder Absätze gibt, die weder zur Handlung noch zur Bindung an die Personen beitragen. Leider ist letzteres insgesamt ganz schön in die Hose gegangen. Sarah, eine unscheinbare, unter Migräne leidende Mittzwanzigerin, war mir alles andere als sympathisch. Das fängt beim Umgang mit ihren Mitmenschen an, für die sie nur selten Empathie aufbringen kann, und endet bei ihrer schier grenzenlosen Naivität. “Oh, sie reden von einer Frau, die sie nicht leiden können. Das kann unmöglich ich sein!” Ach, Sarah. Manchmal möchte sie auch einfach nur ganz kräftig schütteln. Ihr bereits feststehender Tod traf mich daher nicht ganz so schlimm.

Dadurch, dass der Roman mit insgesamt 260 Seiten in der Taschenbuchausgabe auskommt, kommt leider auch die Einführung der Personen zu kurz. Die meisten lernt man aus Sarahs Sicht zunächst nur durch knappe Erwähnungen kennen, wodurch man nach kurzer Zeit zwar schon mal von Marc, Jens und Manuel gehört hat, dennoch eigentlich keine Ahnung hat, wer das nun ist.
Seltsam war es für mich, nach langer Zeit mal wieder einen Roman zu lesen, der im heutigen Deutschland spielt – und dann auch noch im Ruhrgebiet! Eine Premiere für mich, an die ich mich erst mal gewöhnen musste. Es wird oft lobend erwähnt, dass Vullriede, die selbst Kind des Potts ist, durch das Setting ihrer Handlung in einer sehr urbanen Großstadt, dafür gesorgt hätte, dass der Leser den Eindruck gewinnt, das Haus der Verlorenen könne auch in seiner Nachbarschaft stehen. Dieses Gefühl hatte ich weder bei der Lektüre selbst, noch bei ihrem Nachgang. Wäre nicht das Ende gewesen, das dem Vereinshaus und vor allem den Verantwortlichen etwas sehr Surreales verliehen hat, wäre mir das Haus der Verlorenen womöglich realer oder zumindest möglicher erschienen.

Mein Fazit

Nach anfänglichen Bedenken, bei denen mir das Buch erst zu gruselig und dann zu deutsch erschien, muss ich sagen, dass ich doch sehr froh bin, dass “Notizen einer Verlorenen” den Weg in mein Bücherregal gefunden hat. Es war eine spannende Erfahrung, mit einer Geschichte konfrontiert zu sein, die so sehr in der deutschen Mittelschicht verankert ist, wie es nur geht. Auch das Thema Suizid und die damit verbundenen Fragen haben meine Leseerfahrung bereichert. Gerade dadurch, dass sich Vullriede eine eigene Bewertung verkneift, wird der Leser zur weiteren Auseinandersetzung angeregt.
Die Länge, die ich den Buch bezüglich der Personendarstellung noch zur Last legte, erwies sich als genau richtig. Ich glaube nicht, dass es dem Buch gut getan hätte, ein schwieriges Thema wie Selbstmord auf viel mehr als 260 Seiten darzulegen, ohne es final zu bewerten. Ein schönes Buch für zwischendurch mit einem Thema, das mich auch darüber hinaus noch beschäftigt hat.

Mehr über die Autorin und ihre Romane erfahrt ihr hier.

Diese Rezension ist Teil der Aktion “Lies ein Buch, das von einer Autorin geschrieben wurde” vom Blog Die lesende Minderheit.

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