Von Qualität, Individualität und Konsum

„Tante K. hat wieder einen H&M-Gutschein für dich. Wenn du ihn möchtest, musst du dich aber mit deiner E-Mail-Adresse registrieren, weil’s die Gutscheine zukünftig nur noch digital geben wird …“

Meine Patentante arbeitet bei H&M. Deshalb habe ich ab und an das Glück, an 20-Prozent-Gutscheine ranzukommen. Die Spielregeln sind simpel: Reduzierungen yay, Aktionen ney. Und weil sie einmalig bis zu einem Einkaufswert von 100 Euro gelten, arteten meine bisherigen H&M-Besuche mit Gutschein immer in einen Großeinkauf aus. Selbst wenn ich nichts brauchte, fand sich immer etwas – 20 Prozent sind 20 Prozent.

„H&M, C&A (…) alles das gleiche Zeug von der Stange“, fasste ein Freund vor kurzem den Kleidungsstil seiner Kommilitonen in der neuen Uni-Stadt zusammen. Seine Kritik am „kommerziellen Hipstertum“, in dem nahezu jeder absolut austauschbar aussehe, irritierte mich. Ist es wirklich schon so schlimm? Und wie sähe die Alternative aus?

Consumo ergo sum.

Seit einiger Zeit schon, lange vor diesem Gespräch, begann ich, Ketten wie H&M, ZARA und Co. bewusst zu meiden. Mehr der Qualität wegen, das gebe ich zu. Denn in den vergangenen Wochen habe ich viel über mein Konsumverhalten nachgedacht und beschlossen, dass es so, wie es war, nicht weitergehen konnte.

Es gab Zeiten, in denen besaß ich denselben H&M-Pulli viermal. Zum einen, weil er damals runtergesetzt spottbillig war. Zum anderen, weil ich ihn eben sehr gern mochte. Und zwar so sehr, dass ich große Sorgen hatte, dass die gemeinsame Zeit nicht von langer Dauer wäre. Zurecht. Mittlerweile ist mein Bestand auf das letzte Exemplar geschrumpft. Das Material verfilzte, Löcher tauchten an immer neuen Stellen auf. Eigentlich erschreckend – immerhin hatte ich ihn viermal, was die Waschfrequenz des einzelnen dementsprechend senkte. Noch erschreckender, dass ich genau damit gerechnet hatte.

Wenn all eure Sachen von H&M, ZARA und New Yorker von jetzt auf gleich aus eurem Kleiderschrank verschwinden würden – hättet ihr dann noch überhaupt noch was zum Anziehen?

Und kennt ihr eigentlich all die anderen Bekleidungsgeschäfte in eurer Stadt? Die kleinen urigen Boutiquen, in denen die Besitzerin selbst noch hinter der Kasse steht und Quittungen per Hand schreibt? Läden, in denen euch ein Kaffee oder Wasser angeboten wird und in denen das gesamte Sortiment von der Besitzerin persönlich ausgesucht und eingekauft wurde? In denen auf Qualität statt auf Quantität geachtet wird?

Dies ist weder ein Plädoyer für den absoluten Boykott von Ketten noch für den Verzicht auf Online-Shopping. Es ist mehr eine … Anregung. Die Idee, mal über den Tellerrand eurer Innenstadt zu schauen und auch mal den Seitenstraßen eine Chance zu geben – denn oft verbergen sich genau hier wahre Schätze. Die wahren Shopping-Paradise sind nicht die, in denen möglichst viele H&M-, Bershka- und Pimkie-Filialen auf einem Haufen sind. Seit ich das begriffen habe, schlendere ich sogar unheimlich gerne durch die Kleinstadt, aus der ich komme und in der die Geschäfte samstags schon um 14 Uhr schließen.

Die Online-Registrierung für zukünftige Gutscheine lehnte ich übrigens dankend ab. Das sind mir meine Daten nicht wert.

6 Comments

  1. Meine liebe Vici,

    darüber denke ich auch schon – inzwischen recht lange – nach. Ich hab vor einiger Zeit auch beschlossen, meine Prioritäten anders zu setzen. Jetzt, wo ich in Wien bin, investiere ich lieber mal in gutes Essen (man sieht’s) oder in irgendwelche Ausflüge, als shoppen zu gehen. Die Devise: Lieber 3x imJahr was hochwertiges kaufen als 3x im Monat ein x-beliebiges Teil, welches in der nächsten Saison schon wieder “out” ist – oder eben, weil es aktuell jeder auf seinem Blog präsentiert. Da lässt sich sich glaube ich noch umso schneller zum Kauf verleiten. Ich spare lieber für meine nächste Festivalsaison – oder aber kann mich wirklich über ein Teil richtig lange freuen, weil ich nicht in meinem zu vollen Kleiderschrank ersticke.

    Ich drück dich! :-* Ich mag deine neue wieder-da-Kreativität!

  2. So schön und treffend geschrieben. Es ist immer eine ganz besondere Freude, wenn du bloggst <3

    Das Thema, was du ansprichst, beschäftigt mich auch. Ganz klaren Ausbeuterfirmen kehre ich ja schon seit eh und je den Rücken zu. Wenn Klamotten für 5€ oder weniger gekauft werden, kann da so einiges nicht mit rechten Dingen zugehen.
    Seit einem oder zwei Jahren versuche ich viel weniger zu kaufen. H&M vermeide ich weitesgehend auch, allerdings hauptsächlich, weil ich irgendwann genug davon hatte wie alle anderen auszusehen. Mit kleineren Läden hab ich so meine Schwierigkeiten, ich hasse dieses im Fokus stehen nämlich. Aber vielleicht verschiebt sich das mit der Zeit ja noch.

  3. Der Wandel hat sich bei mir vor einigen Jahren auch vollzogen – insbesondere ZARA habe ich seit mehreren Jahren nicht mehr betreten. Trotzdem ist mein Kleiderschrank up-to-date – ebay und 2nd Hand Läden machen es möglich. Da kann ich mir dann auch einen Kaschmirmantel leisten: Der hält warm und löst sich nicht nach einem Winter in alle Bestandteile auf.

  4. Andererseits mag ich das kleine bisschen Individualität, das in den Seitenstraßen noch verborgen ist. Dann wieder verbinde ich damit kleine leere Läden, in denen der Verkäufer alles sieht und einen beobachtet und wenn du nach fünf Minuten nur mal gucken, gerade gehen willst, fragt: “Kann ich ihnen helfen?” und ich hasse es so im Rampenlicht zu stehen. Da mag ich diese großen Ketten lieber, gerade weil man Teil der Masse ist und gucken kann wie man möchte.
    Das mit der minderwertigen Qualität stimmt allerdings und geht mir so langsam auch auf die Nerven. Gerade auch weil die Preise dieser billigen Ketten immer höher werden und jeder weiß, dass das 20 Euro T-Shirt für nen Mindestlohn in Pakistan oder China zusammengenäht wurde. Das stinkt einfach.
    Also eigentlich kommt gar nichts gutes dabei rum, das wir in Ketten einkaufen. Zuhause und im Rest der Welt. Dennoch finde ich es schwierig an 20% und Sales vorbei zu gehen, weil ich irgendwie immer das Bedürfnis habe, mehr Klamotten zu besitzen, als ich wirklich brauche und anziehen kann.

    Liebe Grüße.

    • V. Reply

      Dein letzter Satz fasst das Problem an der Situation ziemlich gut zusammen: mehr besitzen wollen, als man wirklich braucht und nutzt. Eigentlich ist dieser Gedanke doch ziemlich absurd, wenn man bedenkt, wie viel 90% der Zeit einfach nur rumliegt. Ich habe, trotz regelmäßigem, rigorosen Aussortieren, immer noch eine Menge Klamotten, die ich vermutlich noch nie anhatte – das kurze Anprobieren, nur um mich dann doch für etwas anderes zu entscheiden, zählt nicht. Vieles hängt hier, weil es zwar wunderschön aussieht, aber irgendwie dann doch nicht zu mir, meinem Alltag und meinem Stil passt. Die Kunst, das bereits im Laden anzuerkennen, muss ich noch perfektionieren. Aber sie gelingt mir immer öfter immer besser. Alles, was jetz hier eh schon rumhängt, seh ich jetzt mehr als Herausforderung, als Inspiration, öfter mal aus meiner Comfort Zone, bestehend aus grau, schwarz und oversized, zu treten.

      Mit der geballten Aufmerksamkeit der Verkäuferinnen kann ich mittlerweile umgehen – manchmal plaudern wir sogar. Über das Wetter, die Stadt und eben die Klamotten. Was hin und wieder auch ganz nett ist.

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