Vom Leben vor mir

Der Gedanke, dass meine Eltern bereits ein ganzes Leben führten, bevor ich dazu kam, irritiert mich manchmal.

Meine Mutter hat mich mit 40 bekommen, womit sie als Spätgebärende gilt, was 1990 noch sehr unüblich war.
Bis dahin hatte sie bereits ein Kind großgezogen. Und zwar so groß, dass sie auf der Hochzeit meiner Schwester überhaupt erst bemerkte, dass da etwas (Ich!) unterwegs war – sie sagt, die Zigaretten und der Wodka hätten anders als sonst geschmeckt. Merke: nicht schlecht, bloß anders.

Vom Leben meiner Mutter

Mit 40 hatte sie bereits zweimal geheiratet und eine Scheidung hinter sich.
Sie hatte eine Wohnung in dem Land gekauft, in dem sie geboren und aufgewachsen war und aus dem sie in den Achtzigern floh. Eine Wohnung, die sie zurückließ und die heute das Zuhause meiner Schwester und ihrer Familie ist.

Als meine Mutter so alt war, wie ich es jetzt bin, hatte sie eine fünfjährige Tochter. Als junge Mutter hatte sie es nicht leicht. Sie heiratete einen Mann, den sie nicht liebte, weil man das damals eben so gemacht hat. Sie wurde nicht ernst genommen, vielen Entscheidungen wurden über ihren Kopf hinweg getroffen, sie wurde bevormundet und verurteilt.

Sie hatte viele verschiedene Jobs und erlebte mit ihrer Tochter – einem außergewöhnlich lebhaften Kind – viele Abenteuer. Gemeinsam standen sie vor Weihnachten für Brot und Fisch an, lebten in einer Wohnung, die ich nur als Besucher kenne, und besaßen einen Hund namens “Morus”. Fotos von ihm gibt es zwar nicht, aber ich stelle ihn mir recht groß, dunkel und sehr haarig vor.
Meine Mutter hat viel vor mir erlebt, Schicksalsschläge und schwere Krankheiten überstanden, die tiefe Spuren hinterließen.

All das machte meine Mutter zu der Frau, die sie war, als sie mich bekam.
Reifer und weiser, in einem Land, in dem alles anders war.

Vom Leben meines Vaters

Und mein Vater? Der war 35, als ich zur Welt kam.
Er wuchs und lebte in derselben Stadt wie meine Mutter, nur ein paar Straßen entfernt. Mit Mitte 20  verliebte sich in eine Frau und zog gemeinsam mit ihr ihre Tochter auf.

Zusammen bauten sich mein Vater und meine Mutter in einem fremden Land eine neue Existenz auf, lernten eine neue Sprache und beschlossen, dass sie erneut – diesmal gemeisam – Eltern werden wollten. Zusammen standen sie die schwere Krankheit meiner Mutter durch, die ihre Schwangerschaft (zumindest damals) zu einem medizinischen Wunder machte.

All das weiß ich aus Erzählungen.
Ich kenne Fotos aus diesen Zeiten, Anekdoten und ihre liebevollen Erinnerungen. Aber es ändert nichts daran, dass es mir zutiefst surreal vorkommt, dass all das, diese kompletten, fertig gelebten Leben, vor meiner Geburt stattfanden. Dass so viel geschah, von dem ich nie mehr mitkriegen werden, als das, woran sie mich teilhaben lassen.

Ich weiß, dass Eltern Vorgeschichten haben. Ich bin nicht naiv. Ich weiß, dass sie Partner hatten, die sie verließen oder von denen sie verlassen wurden. Ich weiß, dass sie in anderen Wohnungen gelebt und andere Freunde gehabt haben.
Dass meine Mutter etwa 21116160 und mein Vater ungefähr 18491040 Minuten ohne mich geliebt, gelacht und gelebt haben.

In einer anderen Zeit, einem anderen Land. Andere Leben eben.

3 Comments

  1. Ein toller Text – ich kann deine Gedanken sehr gut nachvollziehen, auch wenn meine Mutter noch weitaus jünger war, als sie mich bekommen hat.

    Neulich bei meiner Schwägerin faszinierte mich auch der Gedanke, dass diese Situation, in der wir gerade waren – wir beide auf dem Sofa am Quatschen, ein Gläschen Wein, Lachen und Musik – für meine Nichte und meinen Neffen gar nicht existieren. Die schliefen nämlich schon längst selig in ihren kleinen Kinderbettchen. Für sie war der Tag schon lang zu Ende, während unserer immer noch weiterging. Seltsam.

    Meinen Eltern habe ich die Bücher “Mama, erzähl mal” bzw. das entsprechende Pendant geschenkt. Meine Mutter hat ihres schon ausgefüllt und mir zurückgeschenkt. Ein wunderbares Geschenk, und man erfährt wirklich vieles, was man nicht wusste. Auch wenn es natürlich trotzdem immer noch Ausschnitte bleiben werden.

    Liebe Grüße
    Nele

  2. Das sind interessante Gedanken – und ein viel liebevolleres Weihnachtsgeschenk an die eigenen Eltern, als jedes Ding es jemals sein könnte.

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